Kaum gelandet, empfing den deutschen Kanzler Merz ein wahres Werbe-Feuerwerk: Überall in Ahmedabad hingen Banner und Plakate mit seinem Gesicht. Der indische Staat hatte großzügig aufgefahren, um dem deutschen Gast zu schmeicheln. Schon die Wahl der Stadt ist ein Statement: Ahmedabad, Modis Heimat und Pulsgeber des aufstrebenden Bundesstaats Gujarat, unterstreicht die Bedeutung der Zusammenarbeit. Dort folgte Merz dem indischen Protokoll, ließ sogar die Schuhe für den „Gandhi-Schrein“ stehen. Wie sehr will Merz eigentlich überzeugen?
Aber alles hat einen ernsten Hintergrund: Mit Siemens, Uniper, Airbus Defence and Space und Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) war gleich eine Delegation von Vertretern großer deutscher Unternehmen dabei. Aus gutem Grund, denn es geht ums große Geschäft. Indien ist mit über 1,4 Milliarden Menschen nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Welt, sondern als fünftgrößte Wirtschaftsmacht ein wichtiger Zukunftsmarkt – und seit Kurzem auch größter Partner für die deutsche Industrie in Asien. Kein Wunder also, dass der Fokus ganz auf Wachstum, Technik und neue Allianzen liegt.
Wirtschaft, Verteidigung, Hightech: Was Indien und Deutschland jetzt planen
Im Mittelpunkt des Treffens stehen vor allem die Wirtschafts- und Sicherheitsbeziehungen. Während Indien traditionell viele Waren aus Russland bezieht – nicht zuletzt Rüstungsgüter und fossile Energien –, setzt Deutschland auf neue Angebote. Konkret ist von sechs U-Booten für die indische Marine die Rede. Der mögliche Großauftrag (laut „Handelsblatt“ im Wert von rund sieben Milliarden Euro) wäre ein dicker Fisch für Thyssenkrupp Marine Systems. Aber auch der Airbus A400M als Transportflugzeug steht auf Indiens Wunschliste. Eine finale Entscheidung wird zwar noch nicht erwartet, aber schon die offizielle Absichtserklärung zum Ausbau der Rüstungskooperation zieht Aufmerksamkeit auf sich.
Doch nicht nur im militärischen Bereich gibt es Pläne. Ein brennendes Thema auf der Agenda ist auch die Anwerbung indischer Fachkräfte. 2024 hatte die Bundesregierung bereits den Weg für eine stärkere Zuwanderung aus qualifizierten Nicht-EU-Ländern geebnet. Jetzt wird noch mal nachgelegt: Neben Spezialist:innen für IT und Hightech will Deutschland gezielt medizinisches Personal aus Indien einstellen, um den Pflegenotstand zu bekämpfen.
Auf wirtschaftlicher Seite steht das Handelsvolumen zwischen beiden Staaten aber noch am Anfang. Zwar ist Deutschland Indiens wichtigster Partner in der EU, Indien wiederum rangiert bisher nur auf Platz 23 der deutschen Auslandsmärkte.
“Indien hat ein enormes Potenzial für Investitionen, Exporte und auch für die Gewinnung von qualifizierten Arbeitskräften”, betont Volker Treier vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).
Viele Unternehmen hoffen gerade jetzt auf Rückenwind, denn globale Lieferketten werden nach den Krisen der letzten Jahre neu sortiert.
Neue Allianzen gegen alte Abhängigkeiten: Was diese Reise bedeutet
Traditionell starten deutsche Spitzenpolitiker ihre Asien-Besuche eher in China oder Japan. Der Fokus auf Indien unterstreicht: Die weltpolitische Lage verändert sich gerade rasant. Europas Blick auf Fernost ist nicht zuletzt wegen der Rivalitäten zwischen China, Indien und Russland im Wandel. Indien sucht verstärkt die Nähe zu anderen Wirtschaftsgiganten, da die US-Zölle auf indische Produkte das Verhältnis zu Washington abgekühlt haben. Gleichzeitig will Deutschland angesichts geopolitischer Turbulenzen weniger abhängig von den USA und China werden.
Die Verhandlungen um ein Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU laufen zwar schon seit 18 Jahren, ohne Durchbruch. Trotzdem lässt der Besuch von Merz hoffen, denn beide Seiten könnten in der aktuellen Situation neue Impulse vertragen. Indien ist für Deutschland sowohl als Absatzmarkt als auch als Quellmarkt für Innovation und Humankapital attraktiver denn je. Und wenn sich die strategische Kooperation im Bereich Rüstung und Hightech vertieft, könnten auch andere EU-Staaten nachziehen.
Übrigens spricht auch die Symbolkraft des Besuchs für sich: Merz und Modi nehmen gemeinsam am traditionellen Drachenfest teil, besuchen Orte des Mahatma Gandhi und demonstrieren demonstrativ Nähe. All das zeigt, dass beiden Seiten an langfristiger Freundschaft gelegen ist – trotz aller Unterschiede im Detail.
Strategie, Chancen, Risiken: Was bleibt nach dem großen Empfang?
Es geht mehr als nur um schöne Bilder: Am zweiten Reisetag führt Friedrich Merz seine Gespräche in Bangalore weiter – das Silicon Valley Indiens und Standort von Innovationszentren wie dem Bosch-Werk. Im Mittelpunkt stehen dabei Austausch zu Nanotechnologien und Kooperationen im Start-up-Bereich. Auch Investitionen in Rohstoffe und eine engere Verzahnung der Gesundheitssysteme werden angestoßen.
Offen bleibt, wie viele der angekündigten Projekte tatsächlich Realität werden und ob die Blockaden bei internationalen Verträgen wirklich fallen. Doch die Richtung stimmt, denn die Annäherung zeigt: Deutschland und Indien rücken näher zusammen – wirtschaftlich, militärisch und gesellschaftlich. Kann diese Strategie aufgehen und der deutschen Industrie die dringend benötigten Wachstumsmärkte öffnen?
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Verwendete Quelle:
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