142 Jahre: Eines der ältesten botanischen Experimente neigt sich dem Ende zu

In den USA führen Botaniker der Michigan State University ein dort bereits im Jahr 1879 begonnenes Experiment fort. Ende April ist es ihnen dabei gelungen, seit 142 Jahren ruhende Samen zum Keimen zu bringen. Wir verraten euch die spannenden Details!

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Wie die New York Times berichtet, gibt es seit 1879 an der Michigan State University einen spannenden und zugleich geheimnisvollen Staffellauf mehrerer Generationen von Botanikern.

Samen wurden verbuddelt

Im Jahr 1879 sammelt ein gewisser William James Beal in East Lansing und Umgebung (Michigan, USA) Tausende von Samen, genauer von Unkräutern.

Er gibt die Samen daraufhin in Flaschen, die er an einem geheimen Ort auf dem Universitätscampus vergräbt. Bei seinem Tun treibt ihn folgende Frage um: Werden diese Samen auch noch nach Jahren, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten keimen können?

Seit 1879 werden alle 20 Jahre Flaschen mit alten Samen ausgegraben

In diesem Sinne schreiten etwa alle 20 Jahre (der Rhythmus hat sich im Laufe der Zeit immer mal geändert) die gerade an dieser Universität forschenden Botaniker zur Tat:

Mithilfe einer alten Karte aus Papier (eine waschechte Schatzsuche also!) suchen sie eine der 1879 vergrabenen Flaschen, graben sie aus und pflanzen die in ihr enthaltenen Samen.

"Unglaublicher Moment"

Im Jahr 2021 stoßen dann zu dieser langen Reihe von ausgewählten Botanik-Schatzsuchern David Lowry, Professor für Botanik, und vier seiner Kollegen hinzu. Ihnen kommt die Ehre zu, an die letzte Flasche Hand anzulegen.

Ende April stellen die Forscher dann zu ihrer großen Freude fest, dass die wertvollen Samen zu kleinen Pflänzchen geworden sind, nachdem sie die Samen in ihrem unterirdischen Universitätslabor über Wochen gut verhätschelt haben. Professor Lowry sagt hierzu gegenüber der New York Times:

Das ist dann ein unglaublicher Moment gewesen.

11 Samen

Am 11. Mai haben schon 11 der Samen ausgetrieben. Zu diesen gehört auch eine nicht identifizierte Pflanzenart, wahrscheinlich eine Schaben-Königskerze (Verbascum blattaria) aus der Gattung der Königskerzen.

Es handelt sich hierbei um eine große Pflanze mit gelben Blüten, die in jeder Runde des Experimentes erneut wieder auftaucht. Wie man in der New York Times lesen kann, wird die Forschergruppe auf jeden Fall eine gewisse Zeit brauchen, um mit Sicherheit bestimmen zu können, was ausgekeimt hat und was nicht.

Auch über die nächsten Wochen hin werden die Wissenschaftler verschiedenen Samen noch eigene Sonderbehandlungen angedeihen lassen, stets in der Absicht, sie doch noch wieder zum Leben zu erwecken: Dazu gehören eine Kältebehandlung, eine Beräucherung und das Besprühen mit einem pflanzlichen Wachstumshormon.

Botanisches Abenteuer mit großem Nutzen

Was 1879 als einfacher Versuch beginnt, die Haltbarkeit von Samen zu bemessen, ist über die Jahrzehnte hinweg zu einem viel interessanten Experiment gereift.

Dank der technologischen Fortschritte und des enormen Zuwachses unserer Kenntnisse können die Botaniker nämlich jetzt genauer das Innere der Samen untersuchen.

Funktionsweise beobachten

Dort können sie ihre Funktionsweise beobachten, die Faktoren der Langlebigkeit bestimmen und in verschiedenen Fällen sogar Pflanzenarten wieder zum Leben erwecken, die man bereits für ausgestorben hält.

Die in den Untersuchungen dieser Forscher zu Tage kommenden Ergebnisse können für viele Bereiche von Nutzen sein: von der Wiederherstellung aus dem Gleichgewicht geratener Ökosysteme bis hin zur Langzeitlagerung von Pflanzensamen.

Letzte Flasche geerntet

Da die Forschergruppe jetzt sozusagen die letzte Flasche "geerntet" hat, laufen gerade die Überlegungen hinsichtlich der Zukunft des Projekts.

Wird dieses zwar auf jeden Fall noch bis ins Jahr 2100 fortgesetzt, ist es bereits Zeit, über dessen weiteren Verlauf nachzudenken, laut Frank Telewski, Professor für Pflanzenbiologie an der Michigan State University und dienstältestes Mitglied des Experiments.

Man möchte hier im Grunde dasselbe Prinzip beibehalten, dessen Grundelemente Samen, Flaschen und Zeit sind. Allerdings muss man sich noch darauf einigen, welche Pflanzenarten man studieren möchte bzw. ob man den Ort, an dem man die entsprechenden Flaschen eingräbt, geheim halten wird oder nicht.