Henrietta Lacks: Die unsterbliche Patientin, die 66 Jahre nach ihrem Tod noch immer „lebt“

Henrietta Lacks: Die unsterbliche Patientin, die 66 Jahre nach ihrem Tod noch immer „lebt“

Vielleicht kennt ihr Henrietta Lacks noch nicht. Dabei ist sie eine Frau, die dank ihrer besonderen Zellen maßgeblich zur wissenschaftlichen Forschung beigetragen hat... Diese Zellen sind nämlich unsterblich. Hier kommt ihre Geschichte.

Henrietta Lacks wurde vor 97 Jahren im Süden Virginias geboren. Sie war Tabakzüchterin und starb 1951 im Alter von 31 Jahren an Gebärmutterkrebs. Ohne es zu ahnen, trug sie zu einer der wichtigsten medizinischen Entdeckungen der Geschichte bei: Ein Teil von ihr lebt noch, 66 Jahre nach ihrem Tod, und zwar in Form von Zellen, die zur wissenschaftlichen Recherche auf der ganzen Welt verwendet werden.

Eine unerwartete Entdeckung

1951 begab sich Lacks in das John-Hopkins-Krankenhaus, um sich an einem wuchernden Tumor operieren zu lassen. Zu jener Zeit war dieses Krankenhaus das einzige in der Umgebung, das afro-amerikanische Patienten behandelte. Bei der Operation entfernte der Chirurg ein Stück Tumor aus Henriettas Körper, ohne sie darüber in Kenntnis zu setzen. In den 1950er Jahren versuchten Forscher verzweifelt, menschliche Zellen zu wissenschaftlichen Zwecken außerhalb des Körpers am Leben zu halten.

Der Chirurg, der Henrietta behandelte, übergab das entnommene Gewebe einem Spezialisten, der feststellte, dass diese Zellen eine unglaubliche Besonderheit hatten: Während Zellen sich im Durchschnitt 40 Mal in ihrer kurzen Lebenszeit teilen, teilten die von Henrietta sich unablässig und in stets gleichbleibendem Tempo. So wurden sie zur allerersten Zelllinie: Eine Zellgruppe, die man züchten und ohne zeitliche Begrenzung am Leben halten kann.

Diese Zelllinie ermöglicht es, Experimente an Zellen durchzuführen, ohne diese aus einem lebendigen Körper entnehmen zu müssen. Bei Lacks handelte es sich um eine natürliche Mutation, die wir später genauer erklären werden. Andere Mutationen dieser Art werden künstlich im Labor herbeigeführt. Heute sind die Zellen von Lacks (die HeLa getauft worden sind) über 66 Jahre alt und entwickeln sich immer noch weiter. Inzwischen sind davon über 50 Millionen Tonnen entstanden – man könnte sie drei Mal in einer Linie um den Erdball legen.

Diese Zellen haben es ganzen Generationen von Wissenschaftlern ermöglicht, zahlreiche Versuchsreihen an lebenden Zellen durchzuführen. Auch wenn es sich um Krebszellen handelt, die sich genetisch von normalen menschlichen Zellen unterscheiden, verhalten sich die HeLa-Zellen unter vielen Gesichtspunkten wie normale Zellen. Sie sind daher für die Forschung an Bakterien, Hormonen und insbesondere Viren sehr hilfreich.

Ein Erbe von unschätzbarem Wert

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gab es zahlreiche Forscher, die versucht haben, eine Impfung gegen Kinderlähmung zu entwickeln. Es wurden viele Studien an Rhesusaffen durchgeführt, aber es wurde schnell schwierig, sich mit ausreichend Proben zu versorgen. Dank der HeLa-Zellen konnte Jonas Salk in den 50er Jahren einen Impfstoff entwickeln, der nach einigen Überarbeitungen zum drastischen Rückgang der Fälle von Kinderlähmung auf der ganzen Welt beitrug. Die HeLa-Zellen wurden in zehntausend Artikeln erwähnt und in unzählichen Kontexten verwendet: in der Forschung nach Medikamenten gegen Parkinson, Herpes oder bestimmte Krebsarten, wie auch bei der Klon-Forschung, genetischer Forschung und der Erforschung der Auswirkungen von Strahlung auf den menschlichen Körper. Dennoch konnte bis vor Kurzem noch niemand erklären, wie es möglich ist, dass diese Zellen sich ohne Unterlass teilen. Erst 2013 hat eine Forschergruppe der Universität von Washington eine Antwort darauf gefunden.

In ihrer Studie, die in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde, haben die Forscher aufgezeigt, dass ein Teil der Genoms des HPV-Virus, das mit Krebs in Verbindung steht, sich mit dem von Henrietta kombiniert hat. Dieser Virus, der eigene Krebsgene enthielt, hat sich den Krebszellen von Lacks angenähert (diese Gene werden zu Krebs, wenn sie verändert werden). Die Ähnlichkeit dieser Gene hat dazu geführt, dass sie sich gegenseitig stimulierten und ihr Potenzial vervielfachten, wodurch die beeindruckende Zellteilung bei den Zellen von Henrietta auftrat.

Die Nutzung der Zellen von Lacks hat jahrelang für große Diskussionen gesorgt. Der Erhalt der Zustimmung der Patienten für die Entfernung von Gewebe existierte noch nicht wirklich zu Zeiten Henriettas, und ihre Familie wurde nie gefragt, ob sie mit der Nutzung ihrer Zellen einverstanden war. Es wurden zahlreiche Pseudonyme für die Patienten erfunden, um ihre Identität zu vertuschen, aber als diese in den 70er Jahren enthüllt wurde, erhielten ihre Nachkommen ein Mitspracherecht bezüglich der Veröffentlichung künftiger Forschungsergebnisse – nach einem langen rechtlichen Kampf.

• Carina Levent
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