Kind mit ADHS: „Ich habe mich ständig gefragt, was ich falsch gemacht habe“
Wie lebt eine Familie, wenn ein Kind mit ADHS aufwächst? Ein ehrlicher Bericht aus München beleuchtet das Leben mit Diagnosen, Unsicherheiten und Vorurteilen – und wie Eltern trotzdem weiterkämpfen.
Keine typisch ruhigen Tage, sondern ständig volle Energie: Seit seiner frühen Kindheit stellt Elias* und seine Mutter Marianne Müller* in München der Alltag immer wieder vor neue Herausforderungen. Schon als Baby fiel Elias auf: Schwierigkeiten beim Einschlafen, permanente Unruhe und extreme Reaktionen auf banale Situationen. Seine Mutter erinnert sich, wie ihr Sohn sich mit eineinhalb Jahren plötzlich gegen die Wand stieß – Situationen, die viele Eltern an ihre Grenzen bringen würden.
Als Elias drei Jahre alt war, suchte die Familie 2021 erstmals Hilfe bei einer Elternberatung, da das Kind ständig Wutanfälle hatte und sich immer wieder gegen Vorgaben stellte. Doch den entscheidenden Hinweis lieferte erst eine erfahrene Kinder- und Heilpädagogin. Sie bemerkte, dass Elias auf bestimmte Themen ungewöhnlich konzentriert reagierte, obwohl er sich sonst oft kaum im Griff hatte. Erst ab diesem Zeitpunkt begann die Spurensuche richtig – und drei Wochen nach einem weiteren Termin stand fest: Elias hat ADHS.
Ständige Zweifel und der Kampf gegen Vorurteile
Der Weg zur Diagnose war geprägt von Unsicherheit und Selbstzweifeln. Marianne Müller sagt:
„Ich habe mich ständig gefragt, was ich falsch gemacht habe.“
Es dauere, bis Eltern aufhören, die Schuld bei sich zu suchen. Doch nicht nur die Selbstzweifel, auch das soziale Umfeld macht es Familien schwer. Kaum war das Thema ADHS im Raum, kamen Reaktionen wie:
„Er ist weiß Gott nicht ruhiggestellt!“
Vorurteile sitzen tief – Eltern von Kindern mit ADHS stehen ständig im Verdacht, entweder überfordert zu sein oder nach Ausflüchten zu suchen. Manche glauben, ADHS sei eine bequeme Ausrede für Erziehungsfehler. Solche Fehleinschätzungen, die von sozialen Medien noch befeuert werden, tragen dazu bei, dass Eltern doppelt kämpfen – gegen die Symptome und gegen die öffentlichen Meinungen.
Hanna Christiansen, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg, beschreibt das so:
„Verunsicherung von Eltern in ihrem Erziehungsverhalten“ ist an der Tagesordnung.
Sie ergänzt:
„ADHS ist letztendlich eine Störung der Selbstregulation.“
Viele Eltern, oft durch widersprüchliche Ratschläge und Falschinformationen im Internet, werden zusätzlich verunsichert und fühlen sich mit ihren Fragen und Sorgen alleingelassen.
Diagnose, Therapie und Hoffnung – ein langer Weg
Nach dem offiziellen Befund begann für Elias’ Familie eine Phase der Erleichterung, aber auch viele neue Aufgaben. Laut den Leitlinien der ICD-10 umfasst ADHS die Symptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Ein echtes Problem entsteht erst dann, wenn es in mindestens zwei Lebensbereichen wie Schule und Familie zu deutlichen Schwierigkeiten kommt. Bei Elias war dies der Fall – und das frühzeitige Erkennen erleichterte der ganzen Familie den Alltag. Ein Mix aus Medikamenten und regelmäßiger Bewegung half ihm spürbar, seinen Tag besser zu strukturieren.
Fachleute warnen davor, Diagnosen vorschnell zu stellen. Wird ADHS zu früh oder nur oberflächlich diagnostiziert, nehmen Fehldiagnosen zu. Das Gegenteil – ein sehr später Befund erst in der Grundschule oder gar Pubertät – birgt ebenso Risiken: Kinder entwickeln dann häufig ein geringes Selbstwertgefühl oder suchen nach „alternativen“ Bewältigungsmechanismen wie Alkohol oder Zigaretten.
Doch Einstellungen können sich verändern: Für viele Familien ist der Moment des Diagnosenergebnisses wie ein Lichtblick. Endlich gibt es eine Bezeichnung für die Probleme, oft werden Ängste abgebaut und Eltern wie Kind erhalten gezielte Hilfen. Neben Medikamenten setzen viele Eltern und Fachleute auf Sport, spezielle Therapien oder psychoedukative Angebote in Schulen und Kitas – und zahlreiche Eltern nehmen an Trainingsprogrammen teil, bevor überhaupt eine Therapie beginnt. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina betont, dass Selbstregulation ein „primäres Bildungsziel“ sein sollte.
Medien, Vorurteile und die Rolle der Institutionen
Die Debatte um ADHS wird heute besonders stark durch Beiträge in sozialen Netzwerken beeinflusst. Eltern entdecken online immer mehr vermeintliche Symptome bei ihren Kindern, was zu raschen Selbstdiagnosen führen kann. Viele hoffen auf schnelle Lösungen, während andere Familien eher Unterstützung bei der Erziehung bräuchten als einen medizinischen Stempel. Inflationäre Verwendung des Begriffs ADHS führt oft zu Missverständnissen, die das eigentliche Problem verschärfen.
Es bleibt festzuhalten: Frühzeitiges Erkennen und vernünftige Unterstützung bringen Familien nicht nur Entlastung, sondern öffnen auch Türen für individuelle Entwicklung und Teilhabe. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, findet in Selbsthilfegruppen oder im Austausch mit Fachleuten oft mehr Lösungen als im nächsten Internetkommentar.
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