„Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet“ Das Ende von EMMA und was bleibt
Nach fast fünf Jahrzehnten schließt das Magazin EMMA seine Türen. Das feministische Magazin prägte Debatten, sorgte aber auch für reichlich Zoff – warum endet so ein Kapitel?
1977 tauchten vier Frauen erschöpft, aber entschlossen auf einem Redaktionsfoto auf: Sabine Schruff, Alice Schwarzer, Angelika Wittlich und Christiane Ensslin. „Ermattet“ – so beschreibt sich das EMMA-Team. Mit diesem Spirit gründete Alice Schwarzer das Magazin, um feministische Anliegen groß ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Damals wurde EMMA zur Heimat für Streiterinnen gegen Sexismus und für Rechte von Frauen, und die erste Ausgabe schlug gleich Wellen: 200.000 Mal gedruckt, wurde sie nachbestellt. EMMA stand von Anfang an für mutige Themen, die woanders keinen Platz fanden und wurde zur Stimme für viele Frauen in den Debatten der Zeit.
Von Protest zu Kontroverse: 50 Jahre Diskurs
EMMA kämpfte – und polarisierte, nicht nur außerhalb der feministischen Szene. 1978 zogen Alice Schwarzer und Inge Meysel vor Gericht, um gegen die Frauen-Darstellung auf Stern-Covern anzugehen. Die Klage wurde letztlich abgewiesen, doch die Auseinandersetzung löste eine breite Sexismus-Debatte in den Medien aus. Auch die große „PorNO“-Kampagne ab 1987 zeigte: EMMA mischte sich laut ein. In den 90er Jahren wurde’s ruppig – 1994 stürmten maskierte Frauen die Redaktion und warfen dem Heft Rassismus, Euthanasie-Affinität und Holocaust-Relativierung vor. Trotz aller Konflikte oder gerade dadurch, blieb EMMA im öffentlichen Leben präsent.
Warum jetzt Schluss ist: Gründe, Kritik und neue Zeiten
Am 21. Oktober 2026 erklärte Alice Schwarzer, EMMA stellt die Produktion ein. "Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet." Zu den genannten Gründen zählen vor allem die Erschöpfung der Redaktion und der Umstand, dass keine geeignete Nachfolgerin gefunden werden konnte. Schwarzer sagte auch: „Wir gehen nicht aus ökonomischen Gründen. Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht.“ Es war nach Jahrzehnten der Kämpfe schlicht an der Zeit, einen Schlusspunkt zu setzen.
EMMA traf in letzter Zeit auf Gegenwind von jüngeren Feministinnen. Die starren Linien der Zeitschrift galten vielen als nicht mehr zeitgemäß. Besonders Alice Schwarzers mangelnde Anerkennung von trans Frauen als Frauen wurde von vielen als spaltend und transfeindlich kritisiert. Auch der Umgang mit dem Thema Kopftuch – Schwarzer sprach den Trägerinnen oft die Entscheidungsfähigkeit ab – rief Protest hervor. Nach Silvester 2015/16 in Köln warf man ihr zudem rassistische Pauschalisierungen vor, wenn sie einen Zusammenhang zwischen muslimischer Sozialisation und frauenfeindlicher Gewalt herstellte.
Auch große Themen wie das Ehegattensplitting oder Genitalverstümmelung, die das Magazin in den Achtzigern und Neunzigern praktisch als Erste in Deutschland öffentlich diskutierte, sind in neuen Debatten ins Hintertreffen geraten. Die feministische Landschaft hat sich gewandelt – und EMMA fand immer schwerer Anschluss. Was vor Jahrzehnten einen gesellschaftlichen Aufschrei auslöste, ist heute oft Teil eines vielschichtigeren Verständnisses von Gerechtigkeit und Emanzipation. Dennoch bleibt das Verdienst, Debatten überhaupt ermöglicht zu haben.
Archive, Abschied und was bleibt
Mit dem letzten Heft am 8. Dezember 2026 endet die Geschichte nach genau 398 Ausgaben – als Schlussstrich, aber nicht als Auslöschung. Die Archive des Magazins ziehen ins Deutsche Literaturarchiv Marbach und werden ab 2029 der Öffentlichkeit zugänglich sein. Symbolisch beschließt EMMA damit ein Kapitel deutscher Medien- und Frauengeschichte. Die Zeit von Alice Schwarzer und EMMA ist vorbei, die Kämpfe gehen weiter – nur unter anderen Vorzeichen, geführt von neuen Stimmen. Manche werden EMMA vermissen, andere sehen vor allem Platz für neue Ansätze. Der Einfluss des Magazins wird manchen Diskussionen noch lange nachhallen, auch wenn sich die feministische Akteurslandschaft verändert hat.
Verwendete Quelle:
50 Jahre »Emma« – 50 Jahre Protest und Kontroversen
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