Alles beginnt im Jahr 2011 mit der Katastrophe von Fukushima. Plötzlich war die Gegend um das Atomkraftwerk menschenleer – Felder, Wälder, Höfe, alles verwaist. Unter den Geflüchteten: nicht nur Menschen, sondern auch Nutztiere. Besonders die entkommenen Hausschweine machten sich selbstständig und streiften fortan durch die übrig gebliebenen Wildnisflächen im Nordosten Japans. Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende. Zwischen 2015 und 2018 nahmen Wissenschaftler um den Biologen Shingo Kaneko Proben von 191 Wildschweinen und 10 ehemaligen Hausschweinen, die dann im Labor genauer untersucht wurden.
Vererbter Turbo – Das Geheimnis im Erbgut
Der eigentliche Clou kommt aus den Genen: Wie die im renommierten Journal of Forest Research veröffentlichte Studie zeigt, hat sich das schnelle Fortpflanzungstempo der Hausschweine offenbar direkt auf die Wildschweinpopulationen übertragen.
„Während zuvor angenommen wurde, dass die Hybridisierung zwischen verwilderten Schweinen und Wildschweinen das Populationswachstum fördern könnte, zeigt diese Studie – durch die Analyse eines großflächigen Hybridisierungsereignisses nach dem Nuklearunfall in Fukushima –, dass der schnelle Reproduktionszyklus des Hausschweins mütterlicherseits vererbt wird“, erklärt Kaneko.
Das bedeutet: Jene Wildschweine, die auf eine Hausschwein-Mutter zurückgehen, bekommen nicht nur öfter Nachwuchs – sie tun es auch das ganze Jahr über, ganz wie ihre domestizierten Vorfahren. Die Forscher fanden heraus, dass einige Tiere trotz kurzer Zeitspanne schon von mehr als fünf Generationen seit dem Erstkreuzen getrennt sind und sich genetisch stark mit den Wildschweinen zurückverschmolzen haben.
Kein reines Fukushima-Phänomen? Folgen für Tiere und Menschen
Es bleibt bei diesem spektakulären Beispiel aber nicht. Der Mitautor Donovan Anderson von der Universität Hirosaki betont:
„Wir haben die Hypothese aufgestellt, dass das einzigartige Merkmal des Hausschweins, ein schneller und kontinuierlicher Reproduktionszyklus über das ganze Jahr, der Schlüssel sein könnte.“
Anderson stellt aber klar:
„Wir möchten darauf hinweisen, dass dieser Mechanismus wahrscheinlich auch in anderen Regionen der Welt auftritt, wo verwilderte Hausschweine und Wildschweine hybridisieren.“
Noch ist unklar, wie weitreichend die Folgen für das lokale Ökosystem und die Landwirtschaft sind. Aber eines ist für die Forscher sicher – der Fukushima-Fall liefert ein einzigartiges Fenster, mit dem sich beobachten lässt, wie schnell Hybridpopulationen expandieren können und wie stark solche Veränderungen das Management invasiver Arten beeinflussen könnten. Kaneko betont:
„Diese Ergebnisse lassen sich auf das Wildtiermanagement und auf Strategien zur Kontrolle von Schäden durch invasive Arten anwenden.“
Ein Warnsignal für die globale Artenvielfalt?
Das Beispiel aus der Sperrzone von Fukushima ist beispiellos. Laut den Wissenschaftlern zeigt es, dass lange Zeiträume ohne menschliches Eingreifen ganz eigene biologische Entwicklungen fördern. Unter natürlichen Bedingungen, völlig frei von menschlicher Kontrolle, konnte sich das schnelle Fortpflanzungsmerkmal mütterlicherseits eindrucksvoll durchsetzen. Die bisherigen Erkenntnisse werfen die Frage auf, wie viele unerkannte « Hybriden » weltweit in abgesperrten oder verwilderten Gebieten unterwegs sind und wie groß der ökologische Fußabdruck dieser Tier-Mischlinge wirklich ist. Während die Forschung an diesen außergewöhnlichen Schweinen weitergeht, werden Wildhüter und Biologen weltweit aufmerksam verfolgen, welche Auswirkungen die Erkenntnisse aus Japan auf zukünftige Managementpläne haben werden.
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Verwendete Quelle:
Dans la zone de Fukushima, de curieux porcs hybrides inquiètent les biologistes









