Sozialer Jetlag durch Zeitumstellung: Welche Zeit ist biologisch gesünder für uns?

Was weiß eigentlich die Biologie, genauer die Chronobiologie, über die Zeitumstellung zu berichten? Mai Thi Nguyen-Kim hinterfragt in einem ihrer Videos, ob uns die Sommerzeit wirklich negativ beeinflusst und spricht ein grundlegendes Problem bei der aktuellen Zeiteinstellung an.

Sozialer Jetlag durch Zeitumstellung: Welche Zeit ist biologisch gesünder für uns?
Weiterlesen
Weiterlesen

Die promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim, vielen durch den YouTube-Kanal auch einfach unter MaiLab bekannt und mittlerweile als TV-Wissenschaftsjournalistin etabliert, hat 2019 ein Video hochgeladen, in dem sie analysiert, was mit unserem Körper bei der Zeitumstellung passiert.

Welche Zeit ist eigentlich die gesündere für unseren Körper - die Winter- oder die Sommerzeit? Mit geschickten Fragen und logischen Antworten liefert ihr Video auch 2021 noch spannende Erklärungen, die aktuell wie eh und je sind - schließlich hat sich die EU noch immer nicht für Sommer- oder Winterzeit entschlossen, obwohl es Ende 2021 eigentlich so weit sein sollte, die Zeitumstellung aufzuheben...

Chronobiologie zur Sommerzeit

Der Chronobiologie zufolge ist die Sommerzeit, die uns kurz bevorsteht, mit unserer inneren Uhr viel schwieriger zu vereinbaren als die natürliche Winterzeit. Prof. Dr. Daniel Aeschbach ist Schlaf-Wach-Rhythmus-Experte und rät gegenüber Healthcare.comzur Winterzeit - dabei ist er nicht der einzige:

Ich würde die Normalzeit beibehalten. Sommerzeit im Winter macht wenig Sinn, insbesondere für Menschen, die am Westrand einer Zeitzone leben, und für die die Sonne damit sehr spät am Morgen aufgehen würde. Für viele dieser Menschen könnte dann eine optimale Synchronisierung zwischen Schlafens- und Wachzeiten und innerer Uhr schwieriger sein.

Dabei ist er längst nicht der einzige. Zudem bestätigt diese Aussage das Wohlbefinden zahlreicher Menschen Tage oder sogar Wochen nach der Zeitumstellung. Denn das Drehen an der Uhr hat Auswirkungen auf unseren Schlaf und wenn wir nicht gut und ausreichend schlafen, hat dies Folgen auf unsere Gesundheit.

Wie funktioniert unsere innere Uhr?

Obwohl es sich nur um eine Stunde Unterschied handelt, ist die Sache viel tiefgreifender. Mai Thi Nguyen-Kim erklärt, dass erst einmal verstanden werden muss, dass sich die innere mit der äußeren Uhr immer schon unterscheidet. Sie erklärt unsere innere Uhr folgendermaßen:

Diese innere Uhr ist tatsächlich in unseren Genen codiert, die jeden Tag bestimmte Proteine produzieren, zyklenweise. Diese Proteine nennen wir der Einfachheit halber Uhren-Proteine. Wenn das Uhrenprotein weg ist, kann das Gen wieder abgelesen werden, es kann also wieder neues Protein produzieren und der ganze Zyklus fängt wieder von Neuem an.

Innere Uhr: Lerchen und Eulen

Doch die innere Uhr sieht bei keinem Menschen gleich aus. Manche Menschen ähneln in ihrem natürlichen Tages-Schlaf-Rhythmus eher Lerchen, das heißt stehen gerne früh auf und gehen früh schlafen. Andere hingegen ähneln in ihrer biologischen Funktionsweise eher Eulen - gehen somit später schlafen, stehen aber auch später auf, wie simplyscience erklärt.

Unsere innere Uhr wird aber bereits durch die äußere Uhr festgelegt, die Tageslänge von 24 Stunden. Wir passen uns folglich ständig an den Tag an und fordern unseren Körper tagtäglich heraus.

Sozialer Jetlag führt zu gesundheitlichen Problemen

Viele Menschen leiden aber unter einem sozialen Jetlag, sind im ständigen Kampf mit ihrem Tages-Schlafrhythmus und noch viel mehr, weil uns äußere, soziale Umstände wie Schule, Arbeit etc. programmieren, mit dem Wecker aufstehen lassen, obwohl unsere innere Uhr vielleicht noch Schlaf benötigt.

Chronobiologen und -biologinnen wissen, dass sich daraus aber gesundheitliche Konsequenzen ergeben und diese sind darauf herunterzubrechen, dass Schlafmangel medizinisch gesehen zu Übergewicht, Stimmungsschwankungen und Konzentrationsschwächen führen kann.

Künstliche Zeitverschiebung beeinflusst unseren Körper negativ. Colin Anderson Productions pty ltd@Getty Images

Übergewicht, Depression, Konzentrationsschwäche

Würden wir uns also bei der Aufhebung der Zeitumstellung für die Sommerzeit entscheiden, könnten sich diese Konsequenzen langfristig verstärken und bei der Bevölkerung chronisch werden.

Denn mit der Sommerzeit würden wir uns, so Mai, von unserer inneren Uhr noch viel weiter entfernen. Vor allem im Winter würden sich die Probleme noch mehr verstärken.

Es wäre also vielleicht an der Zeit, unsere Tagesabläufe der inneren Uhr anzupassen. Mai spricht von Gleitzeiten, späteren Schulzeiten vor allem für Jugendliche, die später schlafen gehen, auch für die Schichtarbeit. Dies würde mit unserem Körper biologisch viel besser harmonieren.

Zurzeit heißt es noch abwarten, ob die Zeitumstellung in der EU mit 2021 ihr Ende findet und welche Zeit - Sommer- oder Winterzeit - von da an unsere "normale" Zeit werden wird. Bis dahin können wir zumindest Kosten einsparen, denn an dieses Gerät denkt kaum jemand.