Inflation auf Rekordhoch: Wirtschaftsfachleute fordern Rente mit 70

Wer im Jahr 1964 oder danach geboren wurde, kann erst mit 67 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen. Ginge es nach einigen Ökonom:innen, sollte das Renteneintrittsalter sich noch weiter nach hinten schieben; angeblich sei dies der einzige Ausweg, die Folgen der hohen Inflation zu bekämpfen.

Die Befürchtung, dass die Rente für einige in immer weitere Ferne rückt, könnte Realität werden, wenn Wirtschaftsforscher wie Gunther Schnabl das Sagen hätten. Dieser fordert eine Anhebung des Renteneintrittsalters, um die Folgen der Inflation (diese liegt momentan bei 7,4 %) zu dämpfen.

"Das Renteneintrittsalter muss steigen"

In einem Interview mit der Bild Gunther Schnabl bereitet der Ökonom Arbeitnehmer:innen in Deutschland schon einmal darauf bevor, sich von der Idee zu verabschieden, die Rente noch vor dem 70. Geburtstag in vollen Zügen genießen zu können:

Deutschland hat schon heute ein riesiges Fachkräfteproblem, hunderttausende Stellen sind unbesetzt. Schuld daran ist auch die Politik, denn sie hat die Menschen mit Maßnahmen wie der Rente mit 63 dazu ermuntert, früher in den Ruhestand zu gehen. Langfristig fehlen deshalb Arbeitskräfte, die Löhne steigen und die Produktion wird teurer. Die Menschen sollten sich deshalb darauf einstellen, länger zu arbeiten. Das Renteneintrittsalter muss steigen.

Laut dem Manager Magazin könnten in weniger als zehn Jahren fast fünf Millionen Fachkräfte fehlen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz schätzt, dass insbesondere MINT-Expert:innen (Menschen, die Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) studiert haben oder eine Ausbildung in einem ähnlichen Bereich besitzen) fehlen, auch der Gesundheitsbereich scheint stark betroffen zu sein.

Ein weiterer Faktor, der die extremen Preissteigerungen und die hohe Staatsverschuldung abfedern könnte, sei laut Schnabl deshalb die Einwanderung.

Professor Stefan Kooths, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sieht die Lage ähnlich:

Der Mix aus alternder Gesellschaft, hoher Verschuldung und Energiewende wird in den nächsten Jahren zu einer steigenden Gefahr für die Preisstabilität.

Die Forderung findet immer wieder ihren Weg in die Öffentlichkeit

Neu ist das Thema mitnichten. Schon vor einem Jahr sagt Stefan Wolf, seit Ende 2020 der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall: "Wir werden das Renteneintrittsalter nicht bei 67 Jahren halten können. Wir werden in den nächsten Jahren über ein Renteneintrittsalter von 69 bis 70 Jahren reden müssen." Die immer weiter fortschreitende Inflation hat das Thema nun wieder von Neuem angeheizt.

Der Vorschlag erntet jedoch auch von anderen Expert:innen viel Kritik. Alexander Kriwoluzky ist Leiter der Abteilung Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung; er misst anderen Maßnahmen einen viel höheren Stellenwert bei. Bei n-tv wird er mit folgenden Worten zitiert:

Um die Inflation unter Kontrolle zu bekommen, benötigen wir Maßnahmen, die jetzt schnell wirken. Dazu gehören geldpolitische Maßnahmen. Eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit ist hingegen eher eine langfristig wirkende Maßnahme. Aber die Verlängerung der Lebensarbeitszeit in der jetzigen Situation hoher Inflationsraten mit Inflationsängsten zu verknüpfen, hat einen populistischen Einschlag.

Auch SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert zeigt sich von der Idee wenig begeistert und nimmt kein Blatt vor den Mund. Dem Tagesspiegel gegenüber sagt er:

Das ist respektlos. Schon jetzt erreichen viele in ihrem erlernten Beruf nicht das Renteneintrittsalter, weil sie einfach nicht mehr können, weil harte Arbeit nun einmal hart in die Knochen geht. Die SPD akzeptiert nicht, dass das Thema Inflation von den immer gleichen Leuten dafür benutzt wird, ihre feuchten neoliberalen Träume der Vergangenheit heute im Angesicht von drohenden sozialen Schieflagen Wirklichkeit werden zulassen.

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