Meloni setzt auf Atomkraft-Comeback
Mitten in der Energiekrise wendet sich Giorgia Meloni an die Industrie und trifft mit klaren Worten: Italien soll zurück zur Kernenergie. Was steckt hinter ihrer Strategie?
Giorgia Meloni hat in Mailand den Ton gesetzt. „Europa müsse ‚zur Kenntnis nehmen, dass die Krise im Iran, die Sperrung der Straße von Hormus und die Instabilität im Roten Meer die Kosten für Energie, Rohstoffe und Transport in die Höhe treiben und eine Inflation schüren, die sich unserer Kontrolle entzieht‘.“ Mit dieser Ansage brachte die italienische Regierungschefin die Debatte um die Zukunft der Energieversorgung im Land und in ganz Europa zurück auf die Tagesordnung, kurz vor dem EU-Gipfel am 15. Oktober 2026 in Brüssel, bei dem die Energiekrise ein zentrales Thema sein wird. Ihr Manöver: ein geplantes Comeback der Atomkraft und mehr Eigenproduktion von Öl und Gas in Italien. Viele fragen sich nun: Kann der ambitionierte Doppelweg auf Dauer Italiens Probleme lösen oder birgt er neue Konflikte mit Europas Partnern?
Atomkraft: Italiens großer Neustart
Italien war jahrzehntelang atomfrei, nachdem die Angst nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 zu einem klaren Ausstieg geführt hatte. Nun dreht Meloni den Kurs. Im September 2026 passierte im Senat eine neue Gesetzesgrundlage für die Atomkraft. Laut Meloni will die Regierung „die erste Energieproduktion aus neuen Kernkraftwerken innerhalb des nächsten Jahrzehnts erreichen.“ Bis etwa 2036 will Italien wieder eigene Atomreaktoren ans Netz bringen. Die Rückkehr zur Kernenergie ist ein bedeutsamer Bruch mit der bisherigen Energiepolitik. Doch der Neustart bringt Herausforderungen: Bürgerinitiativen gegen Atomanlagen und die ungeklärte Endlagerfrage machen der Regierung genau jetzt Druck. Auch die Standortsuche für neue Reaktoren dürfte politisch heikel werden. Einige Regionen melden bereits Widerstand an, obwohl Meloni betont, dass die Sicherheit höchste Priorität habe. Die Regierung verweist auf andere europäische Länder, die längst den Wiedereinstieg wagen. Experten schätzen, dass der Aufbau einer modernen Infrastruktur hohe Kosten verursachen wird, doch für Meloni zählt vor allem die langfristige Versorgungssicherheit.
Gleichzeitig bleibt die Energiewende nicht völlig auf der Strecke: Meloni erklärte beim Treffen mit den Unternehmern, dass die Stromproduktion durch Wind und Sonne „um fast 40 Prozent“ angestiegen sei. Dennoch sieht sie Kernenergie als Schlüssel, um Italiens Wirtschaft auch bei unsteten Weltmärkten zu schützen. Kritische Stimmen erinnern jedoch daran, dass zehn Jahre ein sportlicher Zeitrahmen sind – Planungsverfahren, Genehmigungen und Bau dauern in Italien oft länger als im europäischen Schnitt. Dennoch bleibt die Regierung zuversichtlich, die ersten neuen Reaktoren schon bis 2036 in Betrieb nehmen zu können.
Mehr Öl und Gas aus eigener Hand
Neben der Atomkraft setzt Meloni verstärkt auf nationale Ressourcen. „Es macht wenig Sinn, diese Tausende Kilometer entfernt zu kaufen, wenn wir einen Teil davon in Italien fördern können“, erklärt sie vor den Industriellen. Tatsächlich liegt der Strompreis im Land laut aktuellen Zahlen mit an der Spitze in Europa. Der Grund: Der Großteil der Elektrizität stammt aus Gaskraftwerken. Um diese Abhängigkeit und die damit verbundenen Kosten zu mindern, soll nun auf heimische Öl und Gasvorräte gesetzt werden.
Für das Kabinett ist klar: Weniger Abhängigkeit von Importen schützt Italien vor globalen Preisschwankungen, wie sie aktuell durch die Krisen im Iran und am Roten Meer ausgelöst werden. Das soll langfristig auch die Inflation dämpfen, die für viele italienische Haushalte immer belastender wird. Meloni bleibt dabei pragmatisch: Nationale Ressourcen fördern, um unabhängig zu werden, lautet das Motto. Diskutiert wird unter vielen Ökonomen allerdings, ob der Mix aus heimischen Förderungen und Atomkraft tatsächlich schnell genug Entlastung bringt. Denn neue Förderanlagen bauen, das braucht Zeit, Umweltprüfungen und Investitionen. Dennoch signalisiert die Regierung Handlungsbereitschaft, um den Preisdruck auf Unternehmen und Verbraucher zu senken.
Vergleich: Italiens Weg und das europäische Spannungsfeld
Italien ist mit der neuen Linie nicht allein. Laut Bild prüfen auch Frankreich, Polen und Tschechien intensiv neue Kernkraftprojekte. Die Strategie sorgt für Auseinandersetzungen in der EU, insbesondere mit Deutschland. Dort setzt die Politik – mit Ausnahme der FDP – auf einen schnellen Atomausstieg, diskutiert aber inzwischen wieder über die Förderung eigener Ressourcen. So prüft beispielsweise die CDU-Ministerin Katherina Reiche den Ausbau in Niedersachsen. In Italien wurde der Beitrag erneuerbarer Energien merklich gesteigert: Die Produktion durch Wind und Sonne habe „um fast 40 Prozent“ zugelegt, bilanziert Meloni – ganz verzichten will sie auf dessen Ausbau jedoch nicht.
Im Vorfeld des EU-Gipfels in Brüssel zeigt sich, wie komplex der Streit um die richtige Energiemischung geworden ist. Während manche Staaten den Umstieg auf erneuerbare Energien beschleunigen, setzt Italien mit Meloni auf einen Mix aus neuen Technologien und altbewährtem Atomstrom. Die Diskussionen über Fördermittel, Umweltschutz und die europäische Wettbewerbsfähigkeit sind entsprechend hitzig. Auch der internationale Blick auf Italien ändert sich: Die neuen Pläne werfen Fragen zu möglichen Investitionen aus dem Ausland auf und bringen Bewegung in die Debatte um Europas Eigenständigkeit in der Energiepolitik. Ob Melonis Kurs den gewünschten Effekt bringt, dürfte sich erst zeigen, wenn die ersten neuen Reaktoren wirklich am Netz sind und sich der Energiemarkt beruhigt.
Verwendete Quelle:
Reaktion auf Energie-Krise - Meloni setzt auf Atomkraft-Comeback
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