Streit um „KI-Steuerberater“ in Berlin bringt Branche ins Wanken © Gemini
Veröffentlicht am 09/05/2026 um 18:45 von der Redaktion

Streit um „KI-Steuerberater“ in Berlin bringt Branche ins Wanken

Ein Berliner Start-up bringt mit seiner KI-gestützten Steuerhilfe die ganze Branche in Aufruhr. Was bedeutet das Gerichtsverfahren für die Zukunft von Steuerberatern und künstlicher Intelligenz?

Wer auf der Suche nach schneller Hilfe bei seiner Steuererklärung ist, könnte bald auf einen Streitfall stoßen, der die Berliner Gerichte beschäftigt: Am 07. Mai 2026 hat die Steuerberaterkammer Berlin gegen das Unternehmen Accountable Klage eingereicht. Es geht um nichts Geringeres als die Frage, ob sich ein digitaler Assistent als „KI‑Steuerberater“ bezeichnen darf. Während Menschen in Deutschland darauf angewiesen sind, in unübersichtlichen Steuerangelegenheiten den Überblick zu behalten, präsentiert das Start-up eine digitale Lösung, die per Chat steuerliche Fragen beantwortet, Belege scannt und sogar die Steuererklärung automatisiert vorbereitet – alles bequem online und mit künstlicher Intelligenz unterstützt.

Berliner Steuerberater gegen das Start-up Accountable

Die Steuerberaterkammer Berlin sieht die Sache jedoch kritisch und will gerichtlich durchsetzen, dass der Begriff „Steuerberater“ nicht von einer Software genutzt wird – auch nicht in der Kombination „KI‑Steuerberater“. Der Begriff sei ein geschützter Berufstitel in Deutschland, das verringere die Gefahr, dass Laien in die Irre geführt werden. Ausgerechnet ein KI-Tool als Berater könnte, so der Vorwurf, Verbraucher täuschen. Dem will die Kammer, die offizieller Kläger ist, einen Riegel vorschieben und verlangt ein Verbot der Nutzung. Laut der bei der Berliner Morgenpost eingesehenen Klageschrift macht sie geltend, dass „Steuerberater“ eine geschützte Berufsbezeichnung sei und auch mit dem Zusatz „KI“ den falschen Eindruck vermittle, es handle sich um eine echte, zertifizierte Beratung.

Accountable hält an Transparenz und Innovation fest

Von Seiten des Start-ups kommt eine klare Reaktion: Tino Keller, Mitgründer von Accountable, betont:

"dass unsere Lösung keine Rechtsvorschriften verletzt, weil sie sich klar von der klassischen Steuerberatung abgrenzt und für Nutzer jederzeit transparent macht, was sie ist und was nicht".

Er bezieht klar Stellung gegen die Blockadehaltung der Kammer:

"Dass ausgerechnet in diesem Bereich nun versucht wird, neue Lösungen regulatorisch zu blockieren, halten wir für ein falsches Signal".

Den aktuellen Fachkräftemangel bringt Keller ebenfalls ins Spiel: Rund 10 000 Spezialisten fehlen laut seinen Angaben aktuell in Deutschland – ein Mangel, der den Bedarf an digitalen Helfern umso dringlicher erscheinen lässt. Die Accountable-KI sei mit „Tausenden Fragen von Selbstständigen aus verschiedensten Branchen“ trainiert worden, könne aber eben keine echte Steuerberatung im Sinne des Gesetzes ersetzen.

„Es komme nun darauf an, ob man innovative KI‑Lösungen hierzulande auch im Kontext von regulierten Berufen ermöglicht oder ausbremst“, kommentiert Keller die angespannte Lage.

Der Fall könnte Signalwirkung für andere KI-Anbieter in regulierten Berufsfeldern haben.

Präzedenzfall für alle regulierten Berufe?

Das Verfahren ist brisant, weil das Landgericht Berlin II mit seinem Urteil den Umgang mit künstlicher Intelligenz und geschützten Berufsbezeichnungen in Deutschland möglicherweise neu definiert. Noch steht kein Termin für die mündliche Verhandlung fest. Sollte Accountable gezwungen werden, die Bezeichnung „KI‑Steuerberater“ nicht weiter zu verwenden, müsste das Unternehmen seine Kommunikation verändern – ein Rückschritt für digitale Steuerlösungen? Umgekehrt könnte ein Sieg für das Start-up Türen für KI-Anwendungen auch in anderen traditionell geschützten Berufsfeldern öffnen. Die Steuerberaterkammer Berlin wollte bis zum Redaktionsschluss keine Stellung dazu nehmen.

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Verwendete Quelle:

Job-Angst: Berliner Steuerberater klagen gegen Künstliche Intelligenz