Warum ist die andere Spur im Stau immer schneller?

Im Stau haben wir ja viel Zeit zum Gucken und Nachdenken. Da drängt sich mit Vorliebe diese eine Frage auf: “Warum ist die Spur neben mir schon wieder schneller als meine?”... Aber ist sie das wirklich?

Drei Jahre und neun Monate. So viel Zeit verbringt ein Mensch in Deutschland im Laufe seines Lebens in einem Auto. Ganz schön viel Lebenszeit. Über 130 Tage davon gehen allein für die Suche nach einem Parkplatz drauf. Nämlich etwa 41 Stunden pro Jahr und Kopf.

Im Stau stehen kostet Lebenszeit

Und dann gibt es da noch eine Auto-Beschäftigung, die noch zeitraubender ist als die Parkplatzsuche: Im Stau stehen. Auch das machen Autofahrer:innen in Deutschland viel und gerne… also: Jedenfalls viel.

Nämlich bis zu 50 Stunden pro Jahr und Kopf. Je nachdem, in welcher Gegend in Deutschland ihr so unterwegs seid. Bleibt die Frage: Stehen die Fahrer:innen in der anderen Spur etwa weniger lang im Stau als man selbst? Sind die wirklich schneller unterwegs?

Ist die andere Spur wirklich schneller?

Um es kurz zu machen: Nein, die andere Spur ist nicht schneller. Und zwar nie. Das Ganze ist nur eine Illusion, mit der unser Hirn seinen Frust potenziert.

Donald A. Redelmeier und Robert J. Tibshirani, zwei renommierte Stau-Forscher aus den USA, publizieren 1999 eine Studie über Staus und Spurenwechsel.

Unter anderem geht es dabei um die vielen Unfälle, für die diese Spurenwechsel verantwortlich sind. Und um die Frage, ob die riskanten Spurenwechsel die erhoffte Zeit sparen.

Die Antwort: Nein. Keine Spur ist schneller als eine andere.

Stauforscher finden die Antwort

Wie sie das herausgefunden haben? Nein, sie sind nicht etwa jeder mit einem Chronometer in der Hand mit dem Auto losgefahren.

Vielmehr haben sie eine zweispurige Autobahn modelliert, mit unterschiedlichen Kraftfahrzeugen und einem Durchschnittstempo von 100 km/h.

Und siehe da: Beide Spuren sind unterm Strich gleich schnell, aber sie sind nicht gleichmäßig schnell. Und das ist es, was uns irritiert.

Der Eindruck, wir selbst kommen nicht voran, während die anderen in der anderen Spur geradewegs auf ihr Ziel zusausen, ist eine Täuschung.

Mehr Zeit im Stillstand

Wenn wir im Stau stehen, verbringen wir im Schnitt ⅔ der Zeit im Stillstand. Also mehr als die Hälfte der Zeit. Wenn sich dann eine andere Spur bewegt, sehen wir ein Auto nach dem anderen an uns vorbeiziehen.

Unser Gehirn wertet das gewichtiger als unsere eigene Bewegung, die eben weniger als die Hälfte der Zeit im Stau ausmacht. Mathematisch ausgedrückt: Bei 15 km/h verbringen wir 46 Sekunden damit, überholt zu werden, aber nur 33 Sekunden damit, selbst zu überholen.

Das ist es, was nervt und uns das Gefühl gibt, wir würden zusätzlich Zeit verlieren, weil wir in der falschen Spur stehen. In Wirklichkeit aber kommen wir im Stau alle gleich schnell – oder langsam – voran.

Spurenwechsel = Zeitverlust

Schlimmer noch: Wenn ihr die Spur wechselt, lauft ihr Gefahr, tatsächlich zusätzliche Zeit zu verlieren. Denn ihr stört den Fluss der Spur, in die ihr hinein wechselt. Und dann ist die Spur, die ihr soeben verlassen habt, wirklich mal schneller. Wenn auch nur ein kleines Bisschen.

Übt euch also lieber in Geduld und nutzt die Zwangspause, um euch weitere Folgen von “Schlauer sterben” als Podcast anzuhören. Stau kann doch auch irgendwie was Schönes sein, oder?

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