Matthias Sammer: „Ich verstehe die Weinerlichkeit der Leute nicht“
Der deutsche Fußball steckt kurz vor der WM in einer handfesten Identitätskrise. Matthias Sammer spricht Klartext – und hält mit seinen Ansichten zu Tugenden, Egos und Chancen der Nationalmannschaft nicht hinterm Berg.
Matthias Sammer, einst Europameister und heute gefragter Fußballexperte, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um den Zustand des deutschen Fußballs geht. Gerade wenige Tage vor der WM 2026 kritisiert er mangelnden Kampfgeist, ein überbetontes Schönspiel und fehlende klare Strukturen. Sammer sieht den deutschen Fußball vor einer entscheidenden Bewährungsprobe, bei der es um Herz und Zukunft des Spiels geht.
Krasse Kritik: „Wir schämen uns fast für unsere Tugenden“
Matthias Sammer kennt das Geschäft – und glaubt, der deutsche Fußball habe sich selbst verloren. Gegenüber dem Magazin Stern spricht er von einer „Identitätskrise“, in der urdeutsche Eigenschaften wie Wille und Kampfgeist erstaunlicherweise mittlerweile als Makel gelten.
„Zu unserer Stärken haben immer Kampfgeist und Wille gezählt. Das hat alle großen deutschen Mannschaften ausgezeichnet. Und jetzt schämen wir uns fast für diese Tugenden.“
Für Sammer sind genau diese Eigenschaften, die früher Welt- und Europameisterschaften ermöglichten, im aktuellen Mannschaftsgeist auf der Strecke geblieben.
Geringes Konzept, große Egos – und eine klare WM-Forderung
Doch es bleibt nicht bei Wehmut: Sammer prangert ein fehlendes verbindliches Spielkonzept des DFB an und sieht in den immer lauteren Einzelstimmen auf und neben dem Platz ein strukturelles Problem.
„Wir reden zu viel über die Schönheit des Spiels, über Ballbesitz – und zu wenig darüber, wie man es gewinnt. Alles muss gefällig aussehen und künstlerisch wertvoll sein, ständig geht es um die B-Note. Dieses Gerede hilft uns nicht weiter.“
Der 58-Jährige fordert, mehr ehemalige Profis und speziell die Weltmeister von 2014 ins sportliche Tagesgeschäft der Nationalmannschaft und der Jugendmannschaften einzubinden:
„Ich würde mir auch wünschen, dass sich die Spieler aus der Weltmeistermannschaft von 2014 stärker einbringen. Wir brauchen mehr Jungs, die auf höchstem Niveau gespielt haben und auch die Verantwortung im Fußball von heute mit übernehmen. Denn eines ist für mich klar: Der Fußball sollte den Fußballern gehören.“
Auch an die Führung im deutschen Profifußball richtet Sammer einen deutlichen Appell. Zu viele Entscheidungsträger kämen aus Management und Wirtschaft und hätten kaum Ahnung davon, was es heißt, eine Kabine zu führen: In den entscheidenden Positionen sitzen „zu viele Leute, die nicht wissen, wie es in einer Kabine zugeht“.
Torwartfrage und WM: Leistung muss sich durchsetzen
Ein besonders sensibles Thema beleuchtet Sammer kurz vor der Kaderbekanntgabe für die WM 2026: Wer steht im Tor? Auch da bleibt er knallhart beim Leistungsprinzip.
„Ich bin ein Verfechter des Leistungsprinzips. Der Beste soll spielen, und der beste deutsche Torhüter ist aktuell Manuel Neuer. Ich verstehe die Weinerlichkeit der Leute nicht, die sagen, der Wechsel sei eine große Ungerechtigkeit gegenüber Oliver Baumann. Diese Schmerzen muss man aushalten können, denn wir befinden uns hier im Hochleistungssport. Manuel ist ein Anführer. Jemand, an dem sich eine Mannschaft aufrichten kann.“
Die deutsche Nationalmannschaft wird bei der WM gegen Curaçao, die Elfenbeinküste und Ecuador in der Gruppenphase antreten. Kurz vor dem Turnierbeginn sorgte Bundestrainer Julian Nagelsmann mit seiner Kaderauswahl für Diskussionen, unter anderem wegen der Entscheidung, Manuel Neuer als Stammtorhüter zurückzuholen, obwohl Oliver Baumann die Qualifikation bestritten hatte.
Eine reformhungrige Zukunft oder bleibt alles beim Alten?
Matthias Sammer belässt es nicht bei klugen Sprüchen – er fordert den DFB auf, endlich Reformen anzupacken. Während er auf einen generationsübergreifenden Ruck hofft, bleiben viele skeptisch, ob sich das Trainings- und Führungsdenken wirklich verändert. Mit Blick auf den Start der WM bleibt offen, ob Deutschland wieder zu alter Stärke und zur viel beschworenen „Mentalität“ zurückfindet, oder ob auch dieses Turnier von verpassten Chancen geprägt sein wird.
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