Gießen: Mutter täuschte Krebserkrankung ihres Sohnes vor, um Spenden zu sammeln © Pixabay
Veröffentlicht am 01/09/2026 um 16:00 von der Redaktion

Gießen: Mutter täuschte Krebserkrankung ihres Sohnes vor, um Spenden zu sammeln

Vor Gericht in Gießen gesteht Mutter, jahrelang Krebs ihres Sohnes erfunden und 358.000 Euro Spenden erschlichen; Prozess, Schutzmaßnahmen und Folgen für das Kind.

Eine Mutter täuschte jahrelang eine tödliche Krankheit ihres kleinen Sohnes vor und sammelte damit riesige Spendensummen. Was hinter dieser unfassbaren Geschichte am Landgericht Gießen steckt und wie das schamlose System aufflog, sorgt für reichlich Kopfschütteln.

Manchmal ist die Realität so verstörend, dass man es kaum glauben mag: Vor dem Landgericht Gießen hat eine 42-jährige Mutter gestanden, jahrelang die Krebserkrankung ihres eigenen Kindes frei erfunden zu haben. Damit brachte sie Menschen dazu, stolze 358.000 Euro zu spenden – angeblich für „eine seltene, teure Behandlung in den USA“ gegen den angeblichen Hautkrebs ihres Sohnes. Dieses Schuldeingeständnis kam im August ans Licht, nachdem Ermittlungen ins Rollen kamen und die schockierenden Details sich Stück für Stück entfalteten.

Die Geschichte sorgt bundesweit für Aufsehen, denn der Grad an Täuschung – und auch der finanzielle Schaden – sind enorm. Medien und soziale Netzwerke fragen sich: Wie konnte es möglich sein, dass niemand früher Verdacht schöpfte, und wie geht ein Kind damit um, als todkrank zu gelten, obwohl es gesund ist? Noch sind nicht alle Hintergründe geklärt. Doch schon jetzt steht fest, dass der Fall weit über Gießen hinaus Schlagzeilen machen wird – und gerade das Thema Spendenbereitschaft und Hilfsbereitschaft in einem sehr anderen, überraschend dunklen Licht erscheinen lässt.

Wie alles begann: Der erfundene Krebs und der hohe Spendenberg

Die Geschichte nahm ihren Anfang im Herbst 2021. Der damals fünfjährige Junge hatte nach einem dermatologischen Check keinerlei Befund, der Behandlung erforderte – auch ein Aufenthalt in einer Schweizer Klinik bescheinigte beste Gesundheit. Trotzdem begann die Mutter, im privaten Kreis sowie in Medien und auf verschiedenen Online-Plattformen zu erzählen, ihr Kind leide an „schwarzem Hautkrebs“ und brauche eine Behandlung in den USA, die sie sich nicht leisten könne. Viele folgten dem Spendenaufruf: Einzelpersonen und soziale Organisationen überwiesen teilweise „mehrere zehntausend Euro“ – insgesamt sammelte sie so 358.000 Euro ein, und das, über einen Zeitraum von drei Jahren bis Oktober 2024. Die Ermittler aus Gießen listen gleich 13 Fälle von gewerbsmäßigem Betrug und zwei Fälle von Urkundenfälschung auf.

Mit jedem Spendenaufruf verfestigte sich die Legende von der tödlichen Krankheit. Die Mutter ließ sich dabei offenbar nicht beirren, auch nachdem medizinisch längst feststand, dass das Kind gesund war. Die hohe Spendensumme kam aus allen Teilen des Landes, was zeigt, wie groß das Vertrauen einzelner Spenderinnen und Spender in Geschichten persönlicher Schicksalsschläge ist – ein Vertrauen, das in diesem Fall arg enttäuscht wurde. Sogar Hilfsorganisationen gingen der Frau auf den Leim, so breit gestreut war ihr Appell.

Auch der Sohn glaubte an den Krebs – und so flog der Schwindel auf

Was die Tragik noch unterstreicht: Der Junge selbst war überzeugt, schwer krank zu sein. Die Täuschung war so durchdacht, dass selbst das eigene Kind den Lügen Glauben schenkte. Die Behörden kamen erst auf die Spur, als die behandelnde Kinderärztin durch die Spendenaufrufe, die plötzlich in den sozialen Netzwerken kursierten, aufmerksam wurde. Sie informierte kurzerhand das Jugendamt. Von da an gerieten die Dinge ins Rollen: Das Kind kam in die Obhut der Behörden, die Ermittlungen liefen an, und die Mutter musste sich verantworten.

Bald nach Bekanntwerden der falschen Behauptungen schaltete sich das Jugendamt ein und setzte eine Schutzmaßnahme zum Wohl des Kindes um. Für den Jungen bedeuteten die Enthüllungen eine enorme Verunsicherung: Jahrelang hatte er geglaubt, dem Tod geweiht zu sein – und musste nun lernen, dass er kerngesund ist. In welchem Ausmaß das auf seine Psyche wirkt, beschäftigt inzwischen auch die Expertinnen und Experten, die mit dem Fall betraut sind.

Gerichtsprozess: Viele Zeugen, offene Fragen und ein zerbrochenes Leben

Der aktuelle Gerichtsprozess am Landgericht ist trotz des kompletten Geständnisses noch in vollem Gange. Denn die Aufarbeitung all dessen, was passiert ist, ist kompliziert und vielschichtig. Mehr als 20 Zeugen will das Gericht hören, um ein umfassendes Bild vom Ausmaß der Taten zu gewinnen. Der Verteidiger der Mutter las vor Gericht eine umfassende Erklärung seiner Mandantin vor, doch die Staatsanwaltschaft lässt nicht locker. Wie der Staatsanwalt erklärte:

„Da ist dann das Lügenkonstrukt aufgedeckt worden.“

Ein Satz, der den Kern der ganzen Geschichte auf den Punkt bringt und viele fassungslos zurücklässt.

Welche Strafe die Mutter am Ende erwartet, steht noch nicht fest. Die Fülle an Zeugen, die Vielschichtigkeit des Falls und die Tatsache, dass selbst Fachleute auf die Lügen hereingefallen sind, machen diesen Prozess zu einem der spektakulärsten und zugleich tragischsten der jüngeren Zeit. Viele fragen sich, wie es dem Jungen heute geht – und ob mit dem Urteil auch die Hoffnung auf einen Neubeginn für das Kind einhergeht. Für die Hilfsbereitschaft in Deutschland aber bleibt ein fader Nachgeschmack.

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