Machtkampf in der Armee? Selenskyj lässt Verteidigungsminister gehen
Der ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow tritt zurück. Steckt hinter seinem Abgang tatsächlich Kalkül – und was bedeutet das für die Zukunft der ukrainischen Militärführung?
Mychailo Fedorows Rücktritt hat in Kiew viele überrascht – und doch erscheint er plötzlich als Ergebnis einer längeren Entwicklung. Der erst 34-jährige Politiker galt seit seiner Ernennung im Januar 2026 als Hoffnungsträger: jung, technikaffin und gegenüber dem traditionellen Militärbetrieb kritisch eingestellt. Präsident Selenskyj hatte ihn mit der Aufgabe betraut, die Verteidigungskraft des Landes im nunmehr vierten Kriegsjahr neu auszurichten. Was nun bleibt, ist eine Mischung aus Bewunderung und Unmut über seinen rasanten Abgang.
Ein Verteidigungsminister mit klaren Zielen
Fedorow war bei seinem Amtsantritt der jüngste Verteidigungsminister, den die Ukraine je gesehen hat. Sein Ansatz: Radikale Erneuerung der Streitkräfte – auch gegen Widerstände aus dem Apparat. Er setzte früh auf Drohnen und moderne Waffensysteme und machte kein Geheimnis daraus, dass „Es war eine große Ehre, dem ukrainischen Volk als Verteidigungsminister zu dienen.“, wie er in seinem Abschied auf Telegram und X schrieb. Zu seinen größten Erfolgen zählt er, dass die russischen Truppen von Starlink ausgeschlossen wurden, die Umverteilung knapper Ressourcen in neueste Präzisionswaffen und unkonventionelle Systeme sowie die „Logistical Lockdown“-Initiative, um russische Nachschublinien gezielt zu stören. Dass die Krim dadurch weiter isoliert wurde, verbuchte er ebenfalls für sich und sein Team.
Streitfragen, Machtspiele und harsche Reaktionen
Fedorows Abgang ist nicht allein auf eine nüchterne Regierungsumbildung zurückzuführen. Schon in den vergangenen Wochen gab es Berichte über einen Machtkampf mit Oberbefehlshaber Oleksander Syrskyj: Differenzen über das Reformtempo, über die Wahl moderner Drohnen statt klassischer Artilleriemunition, ja sogar über den Versuch, objektive Erfolgsindikatoren für Operationen einzuführen, sorgten für Unruhe in Armeekreisen. Witaly Shabunin, Chef des Antikorruptionszentrums und selbst Ex-Soldat, erklärt dazu:
„Das Militär hat seine eigene Logik: Wir wissen es besser. Aber das ist eine sehr umstrittene Behauptung.“
Letztlich dürfte Syrskyj mit dem Weggang Fedorows an Einfluss gewinnen – zumindest sehen viele Analysten hierin die stille Absicht hinter Selenskyjs Personalpolitik.
Unter Kolleginnen und Kollegen sorgt die Entlassung für großes Unverständnis. Der Journalist Illia Ponomarenko twitterte:
„Ich fürchte, Mychajlo Fedorow war vielleicht die letzte hochrangige zivile Führungskraft, die bereit war, es mit dem Verteidigungsministerium aufzunehmen, grundlegende Reformen durchzuführen und einen unerbittlichen Kampf gegen Ineffizienz und Korruption zu führen – zumindest auf absehbare Zeit“.
Und an anderer Stelle:
„Fedorows Entlassung ist höchstwahrscheinlich die skandalöseste und am negativsten aufgenommene Personalentscheidung, die Selenskyj während seiner bisherigen Amtszeit getroffen hat.“
Auch Anton Gerashchenko, ehemaliger Regierungsberater, äußerte sich:
„Er war äußerst effektiv und effizient, talentiert, systemorientiert, fand unkonventionelle Lösungen und verfügte über ein effektives und produktives Team. In seiner sehr kurzen Amtszeit hat Mychajlo so viel für die Verteidigung der Ukraine und unseren Sieg erreicht.“
Spannend ist, dass nicht nur die Opposition laut wurde: Laut Kyiv Independent kritisierten auch Abgeordnete von Selenskyjs eigener Partei die Entscheidung öffentlich als „schlechte Nachricht“. Gerüchte über Fedorows mögliche Präsidentschaftsambitionen machen die Runde – und so macht in Kiew die These die Runde, dass Selenskyj mit diesem Schritt weniger den Krieg als die Konkurrenz im eigenen Lager im Blick hatte.
Neue Fronten und alte Muster
Ob sich mit Fedorows Rückzug die Dynamik in der ukrainischen Armeeführung tatsächlich zugunsten des traditionellen Militärs verschiebt, bleibt offen. Klar ist nur: Die kurzen, effektgeladenen Impulse des jungen Ministers werden für viele im Rückblick als ungewöhnlich und inspirierend gelten. Während die einen hoffen, dass nun wieder mehr Ruhe in den Apparat einkehrt, fragen sich andere, ob die Ukraine damit nicht frische Ideen und einen Fürsprecher der Reformen eingebüßt hat.
Auch Interessant:
„Wirtschaftsrat“: Wie Asma al-Assad fast Syriens Präsidentin geworden wäre
China plant schon Russland ohne Putin: „Russland ist abhängig von China“
"Ich hab die Lügen so satt" – Was läuft da bei Donald Trump
Verwendete Quelle:
Machtkampf in der Armee? Selenskyj lässt Verteidigungsminister gehen