Diese Epidemie stürzte Hunderte von Europäern in einen tiefen Schlaf

Diese Epidemie stürzte Hunderte von Europäern in einen tiefen Schlaf

1916 taucht in Europa eine bizarre Epidemie auf, die bald die ganze Welt heimsucht: Die europäische Schlafkrankheit. In zehn Jahren fallen ihr zahlreiche Menschen zum Opfer. Sie fallen in einen rätselhaften Schlaf und leiden unter unerklärlichen Symptomen.

1916: Das Schlachtfeld von Verdun. Mitten im Kampfgetümmel leidet ein Soldat an seltsamen Symptomen. Er schläft trotz des Kanonendonners dauernd ein. Dabei macht er alles wie immer, ist auf Patrouille mit seinen Kameraden und isst regelmäßig und gut. Die Ärzte wollen ihn untersuchen und schicken ihn in das neuropsychiatrische Krankenhaus von Paris. Bald folgen ihm 64 weitere Soldaten, alle mit derselben Krankheit.

Schnell eine Epidemie

Ein Trauma wegen der Fronterfahrung? Die Schlacht von Verdun ist berüchtigt für schreckliche Kriegsleiden. Die Soldaten sind moralisch und körperlich gebrochen. Doch nichts scheint sicher. Schnell nimmt die Krankheit ihren Lauf und im Januar 1917 wird der erste zivile Patient in die Wagner-Jauregg-Klinik in Wien eingeliefert. Die Krankheit verbreitet sich extrem schnell, die Ärzte sind verwirrt und machtlos.

Bald leiden Menschen auf der ganzen Welt an der seltsamen Krankheit. Nach dem Krieg kehren die Soldaten heim. Für viele Forscher ist klar: Die Kriegsschrecken haben dabei geholfen, die Krankheit zu verbreiten. 1918 gibt es 500 solcher Fälle in Europa. Im Februar wacht eine 16-jährige New Yorkerin aus ihrem Tiefschlaf auf, der an Weihnachten des Vorjahres eingesetzt hatte.

Spurensuche

In Wien interessiert sich der Neurologe Constantin von Economo seit 1917 für die Krankheit. In den Krankenhäusern wimmelt es von Patienten, die einmal pro Stunde in eine lethargische Phase fallen. Doch das ist nicht alles: Zahlreiche Kranke haben Ticks - es scheint, als seien Augen und Gehirn nicht mehr miteinander verbunden. Sie sind geistesabwesend. Fast die Hälfte stirbt, weil ihr Atemsystem paralysiert ist. Von Economo will deshalb das Gehirn untersuchen.

In den meisten Fällen findet der Wissenschaftler einen übergroßen Hypothalamus. Dieser Teil des Gehirns ist für den Schlaf und die Wachsamkeit verantwortlich, meist ist er entzündet. Doch von Economo kann nicht herausfinden, warum.

Am 17. April 1917 veröffentlicht er einen Artikel über die Europäische Schlafkrankheit, wie er dieses Krankheitsbild nennt: „Ein aufgeblasenes Gehirn, das den Patienten in den Schlaf zwingt.“ Eine Störung, an der Gerüchten zufolge sogar Adolf Hitler gelitten haben soll.

Bei mehreren Patienten tauchen andere Symptome auf. Schreckliche Symptome, die immer wiederkehren und sehr gefährlich sind. Einige Patienten haben dauerhaft Schluckauf oder hüpfen ständig auf und ab. Andere zittern so heftig, dass sie sich bald nicht mehr bewegen können. Sie sind so mitgenommen, dass sie versuchen, sich das Leben zu nehmen. Besonders anfällig sind Kinder. Ihr Verhalten wird brutal und unkontrolliert (suizidale Einstellung, sexuelle Aggression, Hysterie). In den schlimmsten Fällen fallen die Patienten ins Koma und wachen nicht mehr auf.

Falsche Hoffnung

1929 scheint es so, als würde die Krankheit aufhören. Es werden kaum noch neue Fälle registriert. Ein Drittel der Patienten stirbt, ein weiteres Drittel erholt sich, ohne dass man versteht, warum. Das dritte Drittel steht erst am Anfang der Hölle. Bei diesen Patienten funktioniert die Krankheit wie eine Zeitbombe: Erst wirkt es so, als hätten sie sich erholt, doch dann taucht die Krankheit erneut auf. Manchmal mit Jahren Verspätung.

Doch diesmal sind die Symptome anders. Sie werden schlimmer, man spricht jetzt von einem parkinsonähnlichen Syndrom. Bestenfalls leidet der Patient an einer Bradykinesie: Er kann sich nur noch sehr langsam bewegen. In den schlimmsten Fällen verhärtet sich die Membran und der Betroffene kann die Muskeln kaum noch bewegen, er wird zum Gefangenen im eigenen Körper. Das Leben zieht an seinen Augen vorbei, ohne dass er darauf reagieren kann.

In den 60er Jahren beschäftigt sich der berühmte Neurologe Oliver Sacks mit einer Gruppe Patienten, die seit Jahrzehnten in ihrem Körper gefangen sind. Ihr Bewusstsein ist davon aber nicht berührt. Im Gegenteil: Die Patienten reagieren noch auf Musik, einige können sogar noch Bälle fangen, die man ihnen zuwirft.

Eine Frau kann zeitweise aus dem steifen Zustand entkommen, als ein Besucher mit seinem Hund erscheint. Das Tier springt auf ihre Knie und plötzlich streichelt sie den Hund und erklärt, dass sie Tiere liebe. Doch sobald der Hund verschwindet, kehrt sie in den Zustand der lebenden Statue zurück. Kein effektives Gegenmittel konnte bislang gefunden werden.

Endlich eine Lösung?

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Nach und nach gibt es immer weniger Patienten und Ärzte, die sich mit der Krankheit befassen. Die Untersuchungen gestalten sich deshalb immer schwieriger. Dennoch finden die Forscher einige seltene Patienten, die an der Krankheit leiden. Dank dieser stellen sie eine These auf, die der Schlüssel zur Bekämpfung der Krankheit sein könnte.

2004 veröffentlichen die Doktoren Russel Dale und Andrem Church eine Studie, die die europäische Schlafkrankheit womöglich abschliessend behandelt. Sie untersuchen 20 Patienten, alle mit Symptomen, die denen aus der Zeit des ersten Weltkriegs ähneln. Es wird klar: Alles hängt mit Halsschmerzen zusammen, die Diplokokken (Bakterien) auslösen.

Laut ihren Ergebnissen hat diese seltene Art der Streptokokken bei den Patienten eine Autoimmunerkrankung ausgelöst, die dazu geführt hat, dass der Körper gegen sich selbst kämpft. Das Gehirn ist besonders davon betroffen, wie die Entzündung zeigt. Sie ist der Ursprung für die europäische Schlafkrankheit. Eine unglaubliche Entdeckung nach einer langen, rätselhaften, mörderischen Reise, die alle vergessen haben.

Maximilian Vogel
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